Der Duft von früher

Ein Herbstmorgen, Samson und Tiffy – und fast fünfzig Jahre in einem Atemzug

Als ich heute Morgen das Haus verließ, war er plötzlich wieder da.

Dieser Duft.

Ich hätte nicht einmal sagen können, wonach es genau roch. Ein bisschen süßlich vielleicht, ein bisschen erdig, schwer und warm. Aber mein Kopf wusste es sofort, lange bevor ich darüber nachdenken konnte.

Zuckerrüben.

Früher begann es im Herbst irgendwann so zu duften. Nicht jeden Tag und nicht immer gleich stark. Der Wind musste richtig stehen. Dann zog der Duft der Zuckerfabrik über die Felder und durch die Straßen und gehörte für ein paar Wochen einfach zur Jahreszeit.

Damals habe ich darüber wahrscheinlich nicht weiter nachgedacht.

Heute Morgen stand ich plötzlich wieder dort.

Nicht wirklich, natürlich. Häuser verschwinden, Fabriken werden abgerissen, Menschen werden älter, und wo früher Maschinen liefen und Rüben verarbeitet wurden, kaufen andere Menschen irgendwann Schuhe, Lebensmittel oder einen neuen Fernseher.

Und auch dieser Duft ist seltener geworden.

Viele Zuckerfabriken gibt es nicht mehr. Die nächste, von der ich weiß, steht weit genug entfernt, dass ich kaum glauben kann, der Wind hätte ihren Duft heute bis zu mir getragen.

Aber Gerüche interessieren sich nicht besonders für Entfernungen.

Oder für die Zeit.

Wohl deshalb musste ich wenig später an die Sesamstraße denken.

An Samson und Tiffy.

An Lilo und Henning.

Diese Namen allein.

Henning Venske und Liselotte Pulver am Tresen der Sesamstraße, rechts Samson
Henning, Lilo und Samson: Henning Venske und Liselotte Pulver in der Sesamstraße, 1977/78. © Presse-Foto Röhnert / Deutsches Historisches Museum

Es ist erstaunlich, wie wenig manchmal nötig ist, damit eine ganze Welt wieder auftaucht. Ein Duft. Ein Name. Eine Melodie. Und plötzlich sitzt man wieder vor einem Fernseher, der vermutlich viel kleiner war als die Bildschirme von heute und einem damals trotzdem riesig vorkam.

Samson war da.

Tiffy war da.

Lilo war da.

Henning war da.

Und irgendwo ganz am Rand dieser Erinnerungen natürlich auch das Sandmännchen.

Heute Morgen musste ich wissen, was aus Lilo und Henning geworden ist.

Also tat ich etwas, das man früher nicht tun konnte und das heute fast schon ein Reflex geworden ist: Ich suchte nach ihnen.

Dabei rechnete ich eigentlich mit dem Satz, den man bei solchen Suchen immer häufiger liest.

„… starb am …“

Auch das ist eines der kleinen Zeichen dafür, dass man selbst älter geworden ist. Die Menschen, an die man sich aus seiner Kindheit erinnert, sind irgendwann nicht mehr die Erwachsenen von damals. Sie sind sehr alt geworden. Oder sie sind schon lange nicht mehr da.

Diesmal aber nicht.

Henning lebt.

Und Lilo lebt auch.

Ich betrachtete ihre Lebensdaten eine Weile und war fast ein wenig erleichtert. Hinter beiden Namen stand nur ein Geburtsjahr.

Noch.

Und irgendwo in meinem Kopf waren sie gleichzeitig die beiden geblieben, die ich aus der Sesamstraße kannte.

Bei Samson und Tiffy habe ich übrigens nicht nachgesehen.

Warum auch?

Samson und Tiffy können nicht sterben.

Das ist der große Vorteil von Figuren aus unserer Kindheit. Menschen altern, Häuser werden verkauft, Fabriken abgerissen, Landschaften verändern sich.

Aber Samson bleibt Samson.

Und Tiffy bleibt Tiffy.

Sie wohnen nur an einem Ort, zu dem die Zeit keinen richtigen Zugang hat.

Darum tun sie manchmal so gut.

Fast fünfzig Jahre sind vergangen.

Was für eine ungeheuerliche Zahl.

Und doch war heute Morgen nur ein einziger Atemzug nötig, um diese Jahre verschwinden zu lassen.

Ich glaube, ich hatte eine schöne Kindheit.

Heute Morgen konnte ich sie noch riechen.