Guter Durchschnitt: Trennung
Ein Umzug, ein undichtes Fenster und zwei Schrauben zu viel
Als Bernhard bei seinem letzten Mitarbeitergespräch gefragt wurde, wo er sich in fünf Jahren sehe, hätte er am liebsten geantwortet: „Na hier, wo denn sonst? Aber mit weniger Rücken.“
Stattdessen sagte er: „Ich sehe mich weiterhin hier und möchte mich selbstverständlich fachlich weiterentwickeln.“
Die Personalchefin nickte anerkennend und schrieb es auf. Dabei hatte er vor fünf Jahren genau dasselbe gesagt. Sogar das „selbstverständlich“ war dabei gewesen.
Bernhard war dreiundfünfzig, selten krank und bei Familienfeiern meistens derjenige, den man bat, noch ein paar Stühle aus dem Keller zu holen. Er verdiente ordentlich, schlief meistens gut und hatte noch nie einen Menschen absichtlich übers Ohr gehauen.
Seinen alten silbergrauen Opel Astra H Caravan, Baujahr 2006, hatte er vor drei Jahren an ein junges Paar verkauft. Die rostige Stelle am Schweller zeigte er den beiden ungefragt. Das gelegentliche Ruckeln beim Schalten in den zweiten Gang erwähnte er nicht. Es trat ohnehin fast nur bei kaltem Motor auf.
Nach dem Verkauf hatte er ein paar Tage lang ein schlechtes Gewissen. Er hatte vergessen, den beiden den zweiten Satz Fußmatten mitzugeben.
Er hielt das für eine ganz brauchbare Lebensleistung.
An manchen Tagen jedenfalls.
Neulich hatte ihn seine Tochter gefragt, was er eigentlich früher einmal hatte werden wollen.
„Keine Ahnung“, hatte er gesagt. „Nicht unglücklich, schätze ich.“
Sie hatte gelacht.
Er hatte es ernst gemeint.
Zwei Wochen später rief sie ihn an.
„Papa, kannst du am Samstag mit deinem Wagen kommen?“
„Klar. Was gibt’s?“
„Umzug.“
„Habt ihr was Größeres gefunden?“
„Nicht wir. Ich.“
Bernhard schwieg.
„Tobias und ich haben uns getrennt.“
„Ach du Scheiße.“
„Hat er irgendwas gemacht?“
„Nein.“
„Du?“
„Auch nicht das, was du meinst.“
„Ich hab doch noch gar nichts gemeint.“
„Papa!“
Er fragte nach der Adresse, der Uhrzeit und ob es einen Aufzug gebe. Alles Fragen, auf die es vernünftige Antworten gab.
Am Samstag stand er um neun Uhr vor der Wohnung seiner Tochter. Tobias öffnete.
„Moin, Bernhard.“
„Moin.“
Tobias hatte Kaffee gekocht. Sogar die Hafermilch stand auf dem Tisch, die Bernhard seit einiger Zeit trank und die Tobias für eine Erfindung hielt, die besser unterblieben wäre.
Bernhard mochte Tobias. Ein ruhiger Mann, zweiunddreißig, Elektriker, zuverlässig, mit trockenem Humor. Einer, der beim Grillen selbst die Zange mitbrachte, wenn er wusste, dass es beim Gastgeber nur diese kleinen Grillgabeln gab.
Ein guter Kerl.
Und jetzt sollte er die Möbel seiner Tochter aus dessen Wohnung tragen.
Marie kam aus dem Schlafzimmer, einen Stapel Bettwäsche unter dem Arm.
„Morgen, Papa.“
„Morgen.“
Sie drückte ihm kurz einen Kuss auf die Wange.
„Die Kartons im Flur können alle runter. Außer dem einen mit Büchern. Da ist der Boden durch.“
„Warum verteilst du die Bücher dann nicht auf zwei Kartons?“
„Weil ich nur noch den einen hatte.“
„Ich hab welche mitgebracht.“
„Natürlich hast du das.“
Sie lächelte. Aber nicht richtig.
Die nächsten Stunden verbrachten sie damit, ihr gemeinsames Leben auseinanderzutragen. Es war erstaunlich, wie ordentlich das ging.
Die Tassen blieben bei Tobias, bis auf die beiden mit den Henkeln, die Marie lieber mochte. Die Bücher waren ohnehin fast alle ihre. Bei den Handtüchern hatte man sich offenbar auf eine gerechte Aufteilung geeinigt.
Nur beim großen Spiegel aus dem Flur entstand kurz Verwirrung.
„Den kannst du mitnehmen“, sagte Tobias.
„Der gehört doch dir.“
„Ja, aber du wolltest ihn damals unbedingt.“
„Eben. Und du hast ihn bezahlt.“
„Marie, nimm einfach den Spiegel.“
Als Marie unten am Wagen war, blieb er mit Tobias einen Moment allein.
„Tut mir leid“, sagte Bernhard.
Tobias zuckte mit den Schultern.
„Mir auch.“
„Sie hat’s gut mit dir getroffen, hab ich immer gefunden.“
Tobias lächelte kurz.
„Das hat sie mir auch gesagt.“
Dann nahm er den Spiegel und trug ihn die Treppe hinunter.
Die neue Wohnung lag im dritten Stock eines Altbaus, dessen Treppenhaus nach Putzmittel und altem Frittierfett roch.
Es gab keinen Aufzug.
Dafür einen Balkon, der ungefähr so groß war wie ein durchschnittlicher Küchentisch und auf eine gegenüberliegende Hauswand blickte.
„Ist doch ganz nett“, sagte Bernhard.
Marie stellte einen Karton ab.
„Du musst nicht so tun.“
„Tu ich nicht. Ist doch wirklich ganz nett.“
Sie sah ihn an.
„Papa. Die Wohnung ist scheiße. Aber sie war frei, ich kann sie bezahlen, und ich kann wieder vernünftig schlafen.“
„Hast du denn schlecht geschlafen?“
„Ja.“
Er hätte gern gefragt, warum sie ihm nichts gesagt hatte. Stattdessen hob er den nächsten Karton auf.
Gegen Abend waren auch die Möbel oben. Bernhard hatte die Waschmaschine angeschlossen und festgestellt, dass das Fenster im Schlafzimmer undicht war.
Das Fenster ärgerte ihn besonders.
„Da zieht’s im Winter rein. Das musst du dem Vermieter melden.“
„Mach ich.“
„Am besten schriftlich.“
„Ja, Papa.“
„Und fotografieren.“
„Papa!“
Er hob abwehrend die Hände.
Sie bestellten Pizza.
Die Pizza kam um zwanzig nach acht, und der Bote ließ Bernhard wissen, dass er ungern bis in den dritten Stock laufe. Bernhard war an diesem Tag elfmal in den dritten Stock gegangen, viermal davon mit einem Karton, auf dem „Bücher – schwer“ stand. Er gab ihm zwei Euro Trinkgeld, damit wenigstens einer von ihnen etwas davon hatte.
Sie aßen auf dem Fußboden, mit dem Rücken an der Heizung, die noch nicht lief. Der Tisch lehnte zusammengeklappt an der Wand, daneben das Tütchen mit den Schrauben, das Bernhard vorhin zweimal durchgezählt hatte. Es waren zwei zu viel. Das beunruhigte ihn mehr, als wenn welche gefehlt hätten.
„Die haben die ganze Salami auf eine Hälfte gelegt“, sagte Marie.
„Dann nimm du die Hälfte.“
„Ich will aber nicht die ganze Salami.“
Er drehte den Karton um hundertachtzig Grad. Sie sah ihm dabei zu, als hätte er etwas Kompliziertes gelöst.
Aus dem Schlafzimmer zog es. Man musste beim Fenster den Griff herunterdrücken und sich gleichzeitig mit der Hüfte gegen den Rahmen stemmen. Dann schloss es zwar immer noch nicht richtig, aber etwas weniger falsch. Bernhard war schon zweimal aufgestanden.
„Wenn du noch einmal ans Fenster gehst, mach ich es ganz auf“, sagte Marie.
„Da holst du dir was.“
„Dann hol ich mir eben was.“
Er wischte sich die Finger an der Jeans ab. „Hast du den Inbusschlüssel eingepackt?“
„Der ist in der Werkzeugkiste.“
„In welcher Werkzeugkiste?“
Sie überlegte. „Der roten.“
Die rote Werkzeugkiste stand, soweit Bernhard sich erinnern konnte, in einem Keller auf der anderen Seite der Stadt, neben Tobias’ Fahrrad und einem verstaubten Sonnenschirm, den niemand je aufgespannt hatte.
„Dann ruf ich ihn morgen an“, sagte er.
„Du rufst ihn nicht an.“
„Wegen eines Inbusschlüssels.“
„Wegen gar nichts!“
Er nahm sich ein Stück von der Seite ohne Salami, um zu zeigen, dass er kein Mensch war, der auf seinem Recht bestand. Es schmeckte nach Pappe und Oregano.
„Er hat gefragt, wie’s dir geht“, sagte er nach einer Weile. „Letzte Woche. Beim Bäcker.“
„Und? Wie geht es mir?“
„Gut, habe ich gesagt.“
„Toll. Dann weiß er ja Bescheid.“
Sie zupfte einen Faden Käse vom Karton und wickelte ihn sich um den Finger.
„Du hättest ihn behalten sollen“, sagte sie. „Ihr hättet euch prima verstanden. Ihr könnt beide eine Stunde über Reifendruck reden.“
„Das war ein einziges Mal.“
„Es war Heiligabend.“
Es war um Winterreifen gegangen, nicht um Reifendruck, und das war durchaus ein Unterschied, aber Bernhard ahnte, dass dies nicht der Moment war, ihn herauszuarbeiten.
Marie sagte nichts weiter. Sie aß ihr Stück auf.
Unten fuhr ein Auto vorbei, das Licht wanderte einmal quer über die Decke.
„Weißt du, was komisch ist“, sagte sie dann. „Heute im Treppenhaus, als die Waschmaschine nicht um die Ecke ging. Da hab ich gedacht, das muss ich Tobias schreiben. Einfach so. Als würde ihn das interessieren.“
„Die ging doch um die Ecke.“
„Ja, am Ende.“
„Na also.“
„Papa. Das ist nicht der Punkt.“
Er wusste, dass das nicht der Punkt war. Er hatte trotzdem das Bedürfnis gehabt, es festzuhalten, denn die Waschmaschine war tatsächlich um die Ecke gegangen, zu einem nicht unerheblichen Teil seinetwegen, und sein linkes Knie würde ihn morgen daran erinnern.
Marie hatte ihr Telefon neben sich auf den Dielenboden gelegt, mit dem Bildschirm nach unten. Sie drehte es um, sah kurz darauf und drehte es wieder zurück.
„Vielleicht solltest du …“, fing er an.
„Nein.“
„… das Fenster vom Vermieter machen lassen. Das wollte ich sagen.“
Sie sah ihn an. „Mach ich“, sagte sie. „Montag.“
„Gut.“
„Willst du das letzte Stück?“
„Nein.“
Sie nahm es. Es war das mit der meisten Salami.
Später, als sie im Bad das Wasser laufen ließ, stand Bernhard noch einmal auf, ging ins Schlafzimmer und drückte die Hüfte gegen den Rahmen. Das Fenster gab ein kleines, unwilliges Geräusch von sich. Es zog weiter, nur von etwas weiter unten.
Dann nahm er das Tütchen mit den Schrauben zur Hand und zählte erneut durch. Es waren immer noch zwei zu viel.
Auf dem Heimweg bog Bernhard noch beim Baumarkt auf den Parkplatz. Er hielt direkt vor dem Eingang, lächelte kurz und fuhr weiter.
Zu Hause stellte er die Schuhe ordentlich nebeneinander und setzte sich in die Küche.
Eigentlich ein guter Samstag. Er hatte etwas Nützliches getan, sich bewegt, frische Luft bekommen. Das Auto war nicht beschädigt worden, und sogar das Wetter hatte mitgespielt.
Er machte sich einen Tee.
Dann nahm er das Handy.
Er hätte Marie gern etwas geschrieben. Etwas Richtiges. Vielleicht, dass er stolz auf sie sei.
Aber das stimmte so nicht. Nicht, weil er nicht stolz auf seine Tochter war. Nur wusste er nicht, ob ihre Trennung etwas war, worauf man stolz sein sollte.
Er hätte schreiben können, dass alles gut werde.
Das wusste er aber auch nicht.
Schließlich schrieb er:
War schön, dich heute zu sehen. Wenn du mit dem Fenster Hilfe brauchst, sag Bescheid.
Er las es zweimal durch.
Dann schickte er es ab.
Eine Minute später kam die Antwort.
Danke, Papa. Hab dich lieb.
Darunter ein rotes Herz.
Bernhard lächelte.
Er tippte auf den Daumen nach oben.
Dann legte er das Handy weg.
Nach einer Weile nahm er es wieder in die Hand.
Er betrachtete seine Reaktion.
Dann schrieb er darunter:
Ich dich auch.