Zu Hause bei Schrödinger

In welchem Zustand ist meine Wohnung, wenn ich nicht hinsehe?

Die These vom unbestimmten Raum

Es gibt Tage, da brüte ich im Büro an einem komplexen Problem – doch plötzlich schweifen meine Gedanken ab: nicht zur Kaffeemaschine, sondern nach Hause.

Im Laufe der Zeit habe ich folgende Theorie entwickelt: Meine Wohnung verhält sich exakt wie Schrödingers Katze. Solange ich die Tür nicht aufschließe und durch bloße Beobachtung Tatsachen schaffe, befindet sie sich in einer Superposition aller möglichen Zustände.

Bitte nicht verwechseln: Es geht hier um den Raum an sich, nicht um eine Katze in meiner Wohnung. Erstens sind Haustiere laut Mietvertrag verboten – und zweitens habe ich auch keine.


Meine Wohnung – das sind zwei Zimmer, Küche, Bad. Und natürlich der Flur. Ohne ihn wäre mein Leben ein einziges „Jump ‚n‘ Run“: von der Küche ins Schlafzimmer hechten, durch Wände ins Bad brechen… Der Flur ist der „Systembus“ meiner Wohnarchitektur.

Das Spektrum der Unordnung

Zurück zur Superposition: Wenn ich also nicht zu Hause bin (was tagsüber die Regel ist; Wochenende oder Urlaub wären allerdings auch super), existiert die Wohnung in zwei extremen Zuständen gleichzeitig.

Zustand A: Absolutes Chaos (also normalunordentlich ). Das ist der Zustand, bei dem der Stapel Post auf der Kommode seine eigene Schwerkraft entwickelt und die Socken den Weg ins Bad nur zu 80 % gefunden haben.

Zustand B: Picobello (der Showroom-Modus). Alles ist an seinem Platz, die Kissen sind aufgeschüttelt, die Fenster streifenfrei.


Mein Gehirn bevorzugt die Vorstellung von Zustand B.

„Vielleicht“, rede ich mir ein, während ich einen Bugfix schreibe, „habe ich gestern Abend in einem Anfall von Pflichtbewusstsein noch schnell klar Schiff gemacht – und es dann nur vergessen?“

Tief im Innern weiß ich natürlich: Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt im statistischen Rauschen. Gestern bin ich ziemlich sicher einfach erschöpft aufs Sofa gefallen und habe den Pizzakarton nur fast weggeräumt.

Fremdeinwirkung

Hier wird mein Gedankenexperiment spannend: Was, wenn jemand Drittes den Zustand klammheimlich verändert hat?

Einbrecher!

Sobald ich die Tür öffne und meine Wohnung leer vorfinde, ist sie technisch gesehen „aufgeräumt“.

Das zählt natürlich nicht.

Aber was sollten sie auch mitnehmen? Die Kiste mit den „Kabeln, die man bestimmt später noch mal braucht“ – SCART, seriell und Netzteile für Nokia-Handys ab 1999? Oder meine ungelesenen Fachzeitschriften von vor Jahren?

Angesichts des normalunordentlichen Zustands seufzen sie tief und kommen zu dem Schluss: „Der arme Kerl könnte wirklich Hilfe gebrauchen.“

Dann saugen sie und wischen – und hinterlassen eine hübsche Postkarte auf dem Küchentisch: „Haben durchgelüftet. Grüße, die Panzerknacker.“


Ein sauberes Märchen

Natürlich haben die Einbrecher nicht geputzt. Dafür haben sie beim Rückzug die Wohnungstür offen gelassen. Enttäuschte Einbrecher sind nachlässige Einbrecher.

Auftritt: eine arbeitssuchende Reinigungskraft. Diese blickt durch den Türspalt, sieht sofort den Bedarf an Ordnung – und wittert ihre Chance. Sie hält das Ganze für einen unkonventionellen Einstellungstest.

Wenn ich also nach Hause komme, erwartet mich kein Chaos, sondern… nun ja, was eigentlich?

Eine klassische „Putzfrau“? Altbacken. Ein „Putzmann“? Statistisch möglich, sprachlich aber auch nicht schöner. Sagen wir einfach: ein Putzly – ganz im Sinne Hermes Phettbergs. Ein geschlechtsneutrales, fast mystisches Wesen der Sauberkeit.


Ich schließe auf. Mitten im Wohnzimmer steht Putzly: In der linken Hand einen Staubwedel – die Insignie der Macht –, in der rechten einen Teller mit eilig selbst gebackenen Keksen. Auf dem Tisch dampft frischer Kaffee.

Putzly strahlt mich an: „Michael! Ich habe gesehen, hier war Not am Mann. Ich fange morgen fest bei dir an.“

Eine Dienstleistungs-Utopie!

Deus? Nee, Machina!

Am Abend dann dreht sich mein Schlüssel im Schloss. Die Wellenfunktion kollabiert. Die Realität setzt ein.

Keine Einbrecher.

Kein Putzly.

Keine Kekse.

Abgesehen von den pappigen Haferdingern, die ich selbst gekauft hatte.

Der Flur ist auch noch da. Der nützliche. Ein Hauch von Staub liegt wie Puderzucker auf den Oberflächen.


Aber ich bin ein Mann der Tat – und der Technik! Wenn die Quantenmechanik nicht hilft, muss halt die Robotik ran.

Also schreibe ich das Ende der Geschichte selbst – und lege mir einen Saugroboter zu.

Ich nenne ihn „Dusty“.

Dusty ist mein technologisches Haustier. Er ist nicht so flauschig wie eine Katze, aber er schnurrt (wenn auch etwas mechanisch) und frisst gelegentlich Dinge, die er nicht soll: Socken, Ladekabel, Kekskrümel…


Dustys Paradoxon

Heute sitze ich wieder im Büro. Meine Wohnung ist dank Dusty inzwischen theoretisch sauber. Doch mein Gedankenkarussell dreht sich weiter…

Wenn Dusty um 10:00 Uhr saugen soll und ich nicht da bin, um es zu hören – saugt er dann wirklich? Oder steht er nur in seiner Ladestation und lacht sich insgeheim kaputt?

Ich glaube, ich sollte mir eine Webcam zulegen.

Eine mit KI.